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Zwischen Beeren und Bieren. Mit Bosse (Teil 2).

Freitag, 25. Februar 2011

…weiter geht’s: Mit Bosse zwischen Beeren und Bieren, Teil 2.

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Mir ist bei deinen Texten aufgefallen, dass sie sehr undistanziert sind – im Gegensatz zu anderen, insbesondere Hamburger Bands, die gerne über Ironie oder Intellektualität einen Abstand zu den Themen schaffen, über die sie singen. Ich finde es selbst auch angenehmer und passender, sich über Witz und formale Aspekte weniger angreifbar zu machen. Du aber nicht?”

“Wenn ich texte, schreibe ich immer total viel. Da entsteht dann ziemlich viel Masse, auch viel Blödsinn und auch vieles, das distanzierter ist. Ich entscheide mich am Ende aber immer für das Ehrlichste, Direkteste und Nächste, weil ich die Sachen so beschreiben möchte, wie ich es tun würde, wenn ich jemanden komplett ernst nehme, direkt auf den Punkt. Das kam eigentlich auch mit den Jahren – obwohl ich mir das nie bewusst vorgenommen habe. Aber es geht dann natürlich auch immer um die Frage: Wie dicht kann ich gehen und wann mache ich es wieder kaputt?”

“Einige Worte scheinen mit soviel Bedacht ausgewählt, dass ich den Eindruck hatte, der Text hätte sich um dieses eine Wort geschrieben. Gibt es solche Worte, die sozusagen den Ursprung eines Textes ausmachen? Und sammelst du solche Worte, die für dich eine bestimmte Aura von Bedeutung haben?”

“Eigentlich nicht. Aber “Wartesaal” war zum Beispiel so ein Wort – das fand dich toll und mit dem Reim “warten mal” strickte sich auch der übrige Text drum. Dann kommt es so, dass der gesamte Text über dieses eine Wort ein Gesicht erhält, sich zusammensetzt und fertig wird. Aber normalerweise ist es bei mir anders: Dass ich ein Gefühl habe und dann erst einmal ohne fertigen Plan oder Ziel losschreibe. Und prägnante Worte entstehen dann plötzlich irgendwie mit dem Gefühl, dass sie die Sache besonders gut auf den Punkt bringen. So ein Ausdruck wie “die labbrigen Kartoffeln” in “Die Regie” kam vermutlich erst am zweiten Tag des Textes, weil ich lange danach gesucht hatte, wie ich dieses Gefühl klarmachen könnte, wenn man in so einem Flugzeug sitzt und es länger geht als Hamburg – Berlin.”

“Genau an diese Kartoffeln hatte ich gedacht … Es gibt aber auch andere Worte, die mich in dem jeweiligen Text aufmerken ließen, zum Beispiel auf einmal das Weizenbier im “Wartesaal”.”

“Findest du das verstörend? Das empfanden ein paar Leute so – habe ich eigentlich nie verstanden.”

“Ja, weil du an der Stelle so konkret wirst. Vorher ist alles ja sehr atmosphärisch und unbestimmt – und dann taucht plötzlich nicht nur ein Bier auf, sondern gleich eine bestimmte Sorte. Das ist dann mehr, als ich in dem Moment erwarten würde.”

“Ich hatte da wirklich ein Bild vor Augen, von einem Typen, der über seinem Weizenglas hinwegdöst. Und das hat eben genau die Höhe und Breite, dass es mit dem Kopfabstützen passt! Das ist ein Bild, das ich tatsächlich so einmal in der Deutschen Bahn aufgeschnappt habe. Ich fand das tierisch, weil der Typ da auch einen guten Halt gefunden hat.”

“Das hätten wir heute hier natürlich gleich selbst ausprobieren können. Stattdessen haben wir hier noch ein Thailändisches Bier zum Test!”

“Das riecht ein bisschen chemisch – vielleicht abgelaufen?”

“Nee, das gilt noch.”

“Schmeckt wirklich reichlich schlechter als die anderen. Sieht auch etwas brackig aus, so ohne Kohlensäure. Hast du das mal mit dem Hasseröder gegengetrunken?”

“Puh … Gut, jetzt haben wir endlich mal einen richtigen Unterschied rausgeschmeckt.”

“Praline und Hanuta.”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das mit deiner Band richtig begriffen habe – sind das feste Mitglieder?”

“Die Konstellation ist eigentlich einfach: Ich habe vier Leute, mit denen ich seit Beginn zusammen spiele, also seit es Bosse gibt – aber noch mal vier Leute, die da sind, um zu spielen, wenn die anderen nicht können. Wir haben einen Mailverteiler, mit dem angefragt wird, wer wann kann oder für wen einspringen kann. Nur ich muss immer können.”

“Und da gibt es dann keine Konflikte? Liebt man da als Mutter der Band alle Kinder gleich?”

“Mir – und auch allen anderen – ist die zweite Besetzung wirklich genauso lieb. Wir sind einfach neun Leute, die sich richtig gut verstehen, so dass es egal ist, wer da mit wem spielt. Hauptsache, einer der Alternativen kann, weil sonst trete ich auch nicht auf. Aber es ist eben kein festes Bandkonstrukt, wo jeder können muss. Sonst hätte ich auch schon zu viel absagen müssen. Die Musiker haben auch ihre anderen festen Projekte – die zum Teil fester sind als das Bosse-Konstrukt. Aber so muss man sich organisieren, wenn man Solo-Künstler ist.”

“Ich habe im Vorfeld einigen Leuten erzählt, dass ich für ein Interview nach Berlin zurück muss – und die Reaktion war immer so ein “Ja, den Namen kenne ich! Aber hilf mir mal kurz, wer das ist!”. Was würdest du sagen, welchen Song man nennen müsste, bei dem die meisten sagen würden: “Ach, der ist das!”?”

“Es gab jetzt nicht so den Überhit, der überall im Radio gelaufen wäre, dass es jeder mitbekommen hätte. “3 Millionen” ist eine Nummer, die in Berlin sehr oft von Radio 1 gespielt wurde, bei der ich denke, die könnte man dann auch in Cottbus kennen, aber ich kann nicht einschätzen, wie das über die Landesgrenzen hinaus ankam. Ich hab’ da das Land nicht so im Griff. Aber von den Youtube-Klickzahlen ist wohl “3 Millionen” der Song, zu dem man schon einmal getanzt haben könnte, ohne zu wissen, von wem der eigentlich ist.”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Als erste Single von “Wartesaal” erscheint jetzt “Weit weg” – ist das für dich auch ein zentraler Song vom Album? Oder hast du da andere beziehungsweise wechselnde Favoriten?”

“Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, jeweils zu notieren, was ich verspürt habe, als ich einen Song zum ersten Mal richtig gehört habe. Weil dieser Eindruck sehr schnell verfliegt, wenn man das Lied im Studio und beim Abmischen hundertmal hintereinander gehört hat. Bei “Weit weg” war es so, dass es mich echt gekickt hat, als ich den Song fertiggestellt hatte, weil er das repräsentierte, was ich mit dem neuen Album erreichen wollte: Nämlich tanzbare Musik zu machen, bei der man trotzdem die Augen schließen kann, um sich wegzubeamen. Aber für so eine Single-Entscheidung hole ich mir schon Rat von außen. Und da habe ich dann neben Leuten von der Plattenfirma so meine zehn Leute, auf deren Urteil ich vertraue.”

“Dann bräuchten wir noch ein Urteil von dir zu den Beeren und Bieren. Beim Bier ist es das Tsingtao, oder?”

“Ja, das ist ganz gut. Bei den Beeren sind es die Physalis. Die sind besser, als ich gedacht hätte.”

“Sind vielleicht auch die einzigen Beeren, die gerade wirklich Saison haben und am Frankfurter Bahnhof zu bekommen waren. Dort gibt es übrigens keinen Wartesaal, der dem entsprochen hätte, den ich mir beim Hören deines Songs vorgestellt hätte.”

“Wie hätte der denn ausgesehen?”

“Wahrscheinlich so, wie er in Leipzig mal war, bevor er ein Modegeschäft wurde.”

“An den musste ich auch zwei-, dreimal denken. Den fand ich wirklich toll. Wir haben bei dem Videodreh von “Weit weg” in Tokio ein paar echt schöne Wartesäle gesehen. Gibt es schöne Fotos von, aber es war mir dann zu platt, das für das Video zu nutzen.”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Hier scheinen die Wartesäle eher auszusterben, befürchte ich.”

“Es gibt so dörfliche Regionen, wo es sie wirklich noch gibt, mit schicken Wandbeleuchtungen – also nicht diese Raucher-Kältekammern und neumodischen Glasbauten.”

“Vielleicht können wir diesen Blog ja dazu nutzen, hier mal eine Bestandsaufnahme zu machen. So wie die Vogelbeobachter. Ein Aufruf an die Leser, alle Vorkommen schöner Wartesäle zu melden. Wäre doch ‘ne Aufgabe.”

“Ja, mal schauen, was passiert.”

Und als sichere Alternative gibt es das Bosse-Album “Wartesaal”. Ab dem 25. Februar.

Zwischen Beeren und Bieren. Mit Bosse (Teil 1).

Donnerstag, 17. Februar 2011

Aufgetischt: Hasseröder, Tsingtao, Chang, Erdbeeren (Marokko), Blaubeeren (Kolumbien) und Kapstachelbeeren (Chile). Am Tisch: Axel Bosse.

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

Ein mit  Unterstützung der Deutschen Bahn etwas unter Zeitdruck erstandenes Bier-Repertoire aus einem Asia-Markt im Frankfurter Hauptbahnhof. Von 54 Minuten Wartezeit in der DB Lounge verbringe ich 45 Minuten mit dem “Wartesaal” von Bosse:

“Ja, ich habe mir dein Album auf der etwas länger geratenen Fahrt nach Berlin angehört und es als sehr schönes Reisealbum empfunden. Nun kommen auch recht viele Worte wie fliegen und unterwegs sein in den Songs vor – ist das Thema Reise ein Konzept des Albums?”

“Das hat letztens ein Freund von mir auch so vermutet, aber eigentlich ist es eher so, dass die Personen in den Songs an bestimmten Punkten angekommen sind – im Wartesaal, auf den Roboterbeinen – sie suchen vielmehr einen Ausweg aus dem Leben, das sie vermutlich schon einige Jahre so führen. Das hat natürlich immer auch mit Bewegung zu tun, aber ich würde nicht sagen, dass das Reisen an sich ein Thema dieses Albums ist.”

“Vermutlich lag es daran, dass ich selbst gereist bin, während ich es gehört habe. Für mich blitzte das Thema an allen Ecken und Enden auf. Mag aber sein, dass ich behaupten würde, es sei ein Album übers Essen, wenn ich stattdessen dabei gekocht hätte. Vielleicht holen die Songs einen einfach gut ab – egal, was man grad so treibt …”

“Also, mein letztes Album “Taxi” – das ist in der Tat ein Reisealbum. Da geht es die ganze Zeit ums Verschwinden und Fahren – und das finde ich beim neuen Album gar nicht. In einem Lied wie “Weit Weg” ist weniger eine Bewegung drin, als dass man sich ganz ruhig und mit geschlossenen Augen wegbeamt.”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Zumindest ein Reiseziel wäre ja mit “Frankfurt Oder” vertreten. Das ist ein älterer Song, den du für “Wartesaal” noch einmal neu aufgenommen hast. Wieso wolltest du das?”

“Mein zweites Album stand unter einem ziemlich schlechten Stern, weil die EMI damals aufgekauft worden war und von den ganzen Leuten, mit denen ich dort eng zusammengearbeitet hatte, nur zwei übrig geblieben waren. Innerhalb dieser Produktion bildete man also ein völlig neues Team und es war irgendwie recht schnell zu sehen, dass da keine richtige Begeisterung mehr aufkam. Wir haben uns dann einvernehmlich zur zweiten Single getrennt – aber es wäre so gewesen, dass die Rechte dieses Stücks “Frankfurt Oder” sieben bis zehn Jahr bei der EMI geblieben wären. Ich habe mich bei den Vertragsauflösungen sehr um dieses Stück bemüht und es mir letztlich zurückgekauft. Im Grunde hätte es bereits auf “Taxi” veröffentlicht werden können, aber es erschien mir damals noch etwas zu früh, das Stück wieder neu aufzunehmen. Jetzt beim vierten Album hatte ich auf einmal Lust auf eine Mischung von elektronischen Elementen, verzerrtem Cello, Flügelhörnern und Trompeten – und plötzlich lag es auf der Hand, “Frankfurt Oder” zu remixen.”

“Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Anna Loos?”

“Ich habe Anna Loos vor ein paar Jahren auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt und seither war ausgemacht, dass wir gerne mal etwas gemeinsam machen wollten. Dann hatte ich also diesen 4totheFloor-Remix von “Frankfurt Oder” mit Flügelhorn und so, war aber immer noch auf der Suche nach einem triftigen Grund, den Song neu zu veröffentlichen – und dann habe ich Anna gefragt. Und jetzt ist der Song wieder da.”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Nun, ich kenne die Sachen, die Anna Loos mit Silly macht, wirklich nur aus der Zeitung und muss sagen, dass ich mir die Stimme von ihr komplett anders vorgestellt hätte. Mir schwebte da so etwas Rockröhrenartiges vor. Wusstest du, als du mit ihr damals gesprochen hattest, wie ihre Stimme klingt?”

“Eigentlich nicht. Ich kannte zwar ein paar ältere Sachen von ihr – zu irgendeinem Film hatte sie mal zwei Songs aufgenommen – da klang sie aber noch einmal anders, als sie das nun bei Silly tut. Mir war aber auch klar, dass sie bei mir anders singen würde als bei Silly. Weil Anna diese Passagen doch mehr so mit links singen kann – und das war es letztlich auch, was ich mir davon versprochen hatte. Ich mag es gern, wenn sich Leute nicht so anstrengen beim Singen und ganz entspannt dabei sind. Und ich glaube, ihr selbst gefällt es auch ziemlich gut, was dabei herausgekommen ist und dass ihre Stimme in diesem Stück ganz anders klingt. Eher so, dass man eher jemanden wie Suzie von Klee dahinter vermuten würde.”

“Ja, ich hätte auch auf jemanden von einer neuen Deutschpopband getippt.”

“Aber ich finde, so jung und sexy ihre Stimme klingt – auf der anderen Seite klingt sie auch etwas mütterlich. Und diese Mischung mag ich total gerne. Ich höre ihrer Stimme auf “Frankfurt Oder” wirklich supergerne zu.”

“Das Ergebnis hat mich auf jeden Fall völlig überrascht. Wenn ich vorm Hören des Songs davon erfahren hätte, dass du Anna Loos eingeladen hast, hätte ich gedacht, dass das vom Musikalischen her nie und nimmer die Richtige sein könne – und vermutet, dass du halt irgendwen Auffälliges mit im Boot haben wolltest.”

“Ja, verstehe. Wobei – zu der Zeit, als wir die Sachen aufgenommen haben, war sie eigentlich noch gar nicht so berühmt oder mit der Silly-Sache präsent. Mir fällt es bei Menschen, die ich schon länger kenne, ohnehin schwer einzuschätzen, wie berühmt die denn eigentlich wirklich sind. Das hat sich tatsächlich einfach so ergeben …”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Bei welcher Gelegenheit schreibt man einen Song über Frankfurt/Oder?”

“Auf La Gomera. Ist schon lange her, aber an manche Momente kann man sich ja ewig erinnern: Das war nach einer Whale-Watchingtour, die ich meiner Frau zur Hochzeit geschenkt habe. Keine Wale gesehen – und ihr war kotzübel. Zuhause hab’ ich mich dann abends rangesetzt – und einen guten Moment gehabt. Es war ein Durchlauf: Ich hab angefangen zu schreiben, dann angefangen zu spielen und nach gefühlten dreizehneinhalb Minuten war das Ding fertig. Ich hab’s auf dem Rechner aufgenommen und gedacht: Alles klar, das ist ‘n Hit!”

“Whale-Watching auf La Gomera ist aber nicht die naheliegendste Parallele zu Frankfurt/Oder?”

“Aber es geht in dem Lied ja darum, dass es egal ist, wo man gerade steckt – dass es vielleicht sogar noch besser ist, wenn man an einem Ort ist, wo es eher weh tut, weil es einem dort noch mehr auffällt, wie gut das Miteinander ist und dass man Bock hat, das alles gemeinsam hinzukriegen. Und das kam in diesem Urlaub zustande. Gemein, was?”

“Gemein auch für Frankfurt/Oder. Warst du dort schon einmal?”

“Ja, klar. Ich habe da sogar Vorfahren: Meine Oma kommt aus der Gegend und wir hatten da einen riesigen Reiterhof, wo ich früher oft war. Meine Frau ist ja auch Frankfurterin, Frankfurt am Main, aber so kam bei mir im Gehirn vielleicht diese Mischung, dass ich gleich gedacht habe: Frankfurt/Oder, dort ist es so trist, dass es für den Song passt. Damals vor allen Dingen, mittlerweile geht es ja sogar.”

“Ich finde Frankfurt/Oder ganz lauschig.”

“Ich auch! Ich war letztens erst da und eigentlich ist es dort wirklich schön. Ich sage das auch extra jedes mal, obwohl ich den Song auch schon mal als “Lied für eine schöne Frau und eine hässliche Stadt” ankündige. Das muss dann ganz schnell wieder revidieren. Die Stadt ist natürlich keine Perle, aber hat irgendwie Herz.”

“Es gibt auch noch ein schönes Lied über Frankfurt/Oder von Sebastian Krämer. Da wird ähnlich viel Alkohol getrunken wie bei dir. Schnapskonsum scheint eine gängige Assoziation mit der Stadt zu sein.”

Gelegenheit für uns, neben dem Tsingtao-Bier auch der festen Nahrung auf dem Tisch unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Dreimal Obst, dessen Name das Wort “Beere” enthält, wobei die eine Sorte doch eher als “Physalis” bekannt ist und von Axel Bosse kritisch untersucht wird.

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Kann man die hier essen?”

“Ja, natürlich. Die haben normalerweise so einen Blätterkram drum …”

“So ein Salbeikränzchen?”

“Genau. Aber das schien mir zu unfotogen, deshalb hab’ ich das abgemacht. Bei den Erdbeeren sehen die Blätter ja gut aus, aber …”

“Stimmt, das ist dann immer so ein grauer vertrockneter Haufen.”

“Hat mich allerdings gerettet, dass die auch “Kapstachelbeere” genannt werden, weil sich das mit dem Beerenangebot diesmal ziemlich schwierig gestaltete. Ist ökologisch auch weniger gut vertretbar, was wir hier gerade verzehren. Kolumbien, Chile, Marokko, Bier aus Fernost. Und eine Flasche aus dem Harz.”

“In der Biokiste wäre jetzt vermutlich nur Kohl. Habt ihr die auch in Berlin?”

“Ja. Das sind dann die Leute, die nach zwei Wochen im Schutze der Nacht ihre Rapunzel und Rote Beete entsorgen müssen, weil man nicht weiß, was man damit anstellen soll. Was sagen wir zu dem chinesischen Bier? Wenn wir überhaupt hierzulande Bier dazu sagen dürfen – es ist etwas Reis drin, steht hier.”

“Ich find’ es ganz lecker! Lässt sich leicht wegtrinken. Stört nicht beim Bügeln, sagt man, oder?”

“Sagt man das? Mache ich ab jetzt gerne.”

“Aber bei Bier ist es bei mir so: Wenn es kalt ist, ist es ok.”

“Wir kommen bei dieser Interviewreihe eh immer zum Ergebnis, dass alles gleich egal schmeckt.”

“Ja, oder? Könnte auch ein Beck’s sein. Mit ‘nem bisschen Reis halt.”

Zwischen Berren und Bieren - Bosse

“Vielleicht kann uns das Hasseröder einen spürbaren Geschmacksunterschied bescheren? Vom Namen her und mit diesem Auerhahn auf dem Etikett müsste es ja etwas markiger sein.”

“Ist zumindest mehr Sprudel drin. Aber schmeckt nicht doll anders!?”

“Hm. Schmeckt genauso. Aber ist ja auch viel hin- und hergereist: von Wernigerode nach Frankfurt am Main und jetzt wieder nach Berlin. Vielleicht ist das Bier grad etwas orientierungslos.”

“Wernigerode kenne ich. Ich bin ja Braunschweiger und war früher oft im Harz, auf dem Brocken und so, da kommt übrigens auch Hans Hartz her.”

“Die weißen Tauben sind müde …?”

“Genau. Die Mutter vom Schlagzeuger meiner ersten Band war später mit Hans Hartz zusammen, das war dann also so etwas wie sein Schwiegervater.”

“Du stehst zwar noch als Braunschweiger bei Wikipedia – wohnst aber jetzt in Hamburg?”

“Ja, das mit Braunschweig hält sich – und soll ja auch nicht weg! Ich hab’ seither allerdings erst sechs Jahre in Berlin gewohnt und jetzt eben in Hamburg, zwischendurch auch ein Jahr in der Türkei und ein halbes Jahr in Spanien. Da kommt zurzeit einiges durcheinander und die Leute ordnen mich mal als Berliner, mal als Hamburger ein. Aber ich bin in Braunschweig geboren.”

“Beim Singen hörst du dich übrigens schon sehr hamburgerisch an!”

“Findest du? Als Braunschweiger spricht man ja eigentlich recht klares Hochdeutsch, aber wenn man’s einfärbt, orientiert man sich eher nach Norden als nach Hessen oder Süden. Vielleicht gewöhnt man sich das auch an – müsste man mal gegenhören zum ersten Album, als ich noch gar nicht in Hamburg gewohnt habe.”

“Vom Berlinerischen scheint mir dagegen wenig übrig zu sein. Wie ist das, wenn du heute wieder nach Berlin kommst: Gibt es da Orte, die du bei jedem Besuch wieder aufsuchst? Die für dich einen Berlin-Besuch rund machen?”

“Ja, das sind zwei Punkte, die ich immer ansteuere – vor allem Sachen, die mich mehr so kulinarisch erfreuen. Zum einen ist das dieser Hähnchengrill am Görlitzer Park, den ich tierisch finde. Der wahrscheinlich auch völlig abwrackmäßig ist, aber das sind gute Jungs. Da habe ich früher immer als Abschluss des Abends morgens so einen Broiler gegessen – und da komme ich auch jetzt nicht dran vorbei, weil ich auch immer recht viel in der Ecke zu tun habe. Und ansonsten bin ich häufig an der Sonntagsstraße und an den Plätzen, wo ich früher gewohnt habe, um zu sehen, was sich so verändert hat. Und das tut es sich ja andauernd.”

Teil 2 dieses Interviews mit vielen Einsichten über die Entstehung der Bosse-Songtexte und Vorkommen von Wartesälen folgt am 25. Februar – zur Veröffentlichung vom neuen Album “Wartesaal”.

Zwischen Beeren und Bieren. Mit Sven Regener.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Aufgetischt: Astra Rotlicht, Beck’s Alkoholfrei, Creola, Erdbeeren (B), Brombeeren (NL) und Himbeeren (P). Am Tisch: Sven Regener.

Eine schöne ABC-Kombination von Bieren zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt. Elf Uhr morgens erschien zunächst als ein Termin, der noch nicht so recht zum lustvollen Biertest einladen wollte. Folglich stand auch zum ersten Mal ein alkoholfreies Bier auf der Speisekarte dieser Interviewreihe und man war sich einig, das insbesondere die sechsprozentige Astra-Rotlichtausgabe an diesem Morgen reine Dekoration bleiben würde. Wie dann doch noch alle Flaschen unterkamen, kann hier nachgelesen werden:

“Erst einmal herzlichen Glückwunsch, dass ihr mit “Immer da wo du bist bin ich nie” in Bezug auf Goldene Schallplatten in Serie gegangen seid! In meinem Flur hängt immer noch die Goldene Schallplatte von “Mittelpunkt der Welt”. Das war in den knapp zehn Jahren, in denen ich Band-Homepages betreut habe, übrigens die einzige, die dem Webmaster verliehen wurde. Freue ich mich immer noch sehr drüber.”

“Ich habe damals darauf gedrungen, dass auch die Online-Leute berücksichtigt werden, weil klar war, dass wir als Band, die wenig bis gar keine Singlehits hat, auf gute Promo angewiesen sind und dass auch Online bei uns ein wichtiger Aspekt ist, der entsprechend gewürdigt wird. Es gibt ja Langspielplatten, deren Wohl und Weh ausschließlich davon abhängt, ob ein Hit drauf ist oder nicht. Bei Element of Crime ist das ein bisschen anders. Das ist ein Sonderstatus, den man sich über die 25 Jahre erspielt hat, und der den Promotern harte Arbeit bereitet, die andererseits aber auch sehr lohnenswert ist, weil sich da interessante Artikel und Feature ergeben können – auch bei Medien, in die man sonst vielleicht seltener gelangt. Vom Punk-Fanzine und überregionalen Tageszeitungen bis hin zu Frauenzeitschriften ist da letztendlich alles möglich. Und du kannst dich wundern, was du dabei noch erlebst! So ähnlich ist das ja mit den Online-Sachen auch: Wir haben dort immer sehr gezielt und frühzeitig viel gemacht, und deshalb wissen wir auch, wie wichtig das ist.”

“Euer Internet-Auftritt hat ja eine überwältigende Konstanz. Ich bin nach meiner Zeit bei Universal ein ganzes Weilchen nicht mehr auf eurer Seite gewesen, habe jetzt natürlich wieder reingeschaut und gedacht: Ja, das erkenne ich alles wieder!”

“Wenn man Änderungen vornimmt am Design, sollte man das sehr, sehr behutsam machen. Es ist einfach ein großer Fehler der Leute zu glauben, dass sie mit den Komplett-Relaunches ihrer Seiten irgendeinen Blumentopf gewinnen. Die wirklich erfolgreichen Webseiten machen das nicht. Da wird ganz behutsam hier und da ein bisschen was verändert, dass man es eigentlich kaum merkt. Unsere Seite ist nun mal in erster Linie eine Seite für Leser, für Leute, die nicht nur Knöpfchen drücken wollen, sondern ein Interesse daran haben sich zu informieren. Da wäre es einfach nervig, wenn man ständig neue Designhöllen-Erfindungen verarbeiten müsste, obwohl man nur ein paar Informationen finden will. Das hat auch alles mit einem spezifischen Charakter von Element of Crime zu tun. Ich habe jetzt eine Auswertung gesehen, dass es keine andere Webseite von einer Band gibt, die eine so hohe Verweildauer und -tiefe hat. Weil die Leute nicht gleich wegklicken, sondern die Sachen auch wirklich lesen. Es gibt da ja einige längere Texte…”

“…die nach wie vor von dir selbst geschrieben werden, nehme ich an?”

“Ja, natürlich. Das liegt in der Natur der Sache. Es wäre doch wirklich zu doof, bei einer eigenen Website das andere Leute schreiben zu lassen.”

“Gleichwohl nicht unüblich…”

“Element of Crime ist eine Band, die es sich nicht leisten könnte, für so etwas sozusagen einen Pressesprecher zu engagieren. Wir denken, dass unsere Leute den Anspruch haben, dass wir ihnen als Band gewisse Sachen anbieten. Es muss sich eine Einheit ergeben aus dem, was wir als Promo machen, und dem, für das wir sonst inhaltlich stehen. Denn bei Element of Crime geht es natürlich um Inhalte, das darf man einfach nicht vergessen. Alles andere ist Schnickschnack. Wenn die Band mehr ein Pop-Phänomen wäre, könnte man alles auch anders sehen und sagen: Das machen wir nicht selbst – kann doch auch jeder andere schreiben, wann der Tour-Vorverkauf beginnt. Aber bei Element of Crime ist das nicht ganz so, ohne dass ich das jetzt superernst nehmen will.”

“Auch wenn sich Eure Website immun gegen schnelllebige Online-Trends zeigt, hast du dich doch recht frühzeitig beim Thema Blogs engagiert.”

“Ich bin ein sehr aktiver Blogger – fast so, dass es schon wieder peinlich ist. Allein das Wort Blogger ist ja so hässlich, dass man es gar nicht in den Mund nehmen möchte. Aber ich habe viele Blogs geschrieben. Und die werden im Frühjahr nächsten Jahres auch als Buch erscheinen – mitsamt den Bildern im Galiani-Verlag. Und das wird ein richtig gutes Buch. Wobei es natürlich sehr hilft, dass es immer zeitlich begrenzte Blogs waren. Bei einem Buchmessenblog über fünf oder sechs Tage kann man sich sicher sein, dass in der Zeit auch wirklich etwas passiert und man ein Thema hat. Man schreibt nicht einfach so in den Tag hinein.”

Ein Anruf reißt uns kurz aus dem Gespräch und ich erkläre derweil Vertigo-Rainer, ziemlich müde zu sein, weil ich noch in der Nacht aus Verden an der Aller zurückgekehrt sei. “So ein Kaff in Niedersachsen” ordne ich die ihm unbekannte Stadt soziogeographisch ein und rufe prompt Protest hervor:

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Zwischen Beeren und Bieren. Mit Roman Fischer

Montag, 26. Juli 2010

Aufgetischt: Gaffel Kölsch, Augustiner Lagerbier Hell, Potsdamer Rex Pils, Stachelbeeren (D), Rote Johannisbeeren (D) und Weiße Johannisbeeren (D). Am Tisch: Roman Fischer.

Kurz vor der Veröffentlichung seines dritten, selbstbetitelten Albums “Roman Fischer” durfte ich den Ex-Augsburger als Gast der zweiten Bier- und Beerenprobe begrüßen und in ein Gespräch über Berlin-Exil sowie bislang ungeknüpfte Familienbande verwickeln. Zur musikalischen Untermalung sei dem getreuen Leser die als Hit geborene Vorab-Single “Into your head” empfohlen, die sich hoffentlich noch gegen den musikalischen Winterschlaf der WM-Songs behaupten wird.

“Von den vier Jahren, die du deinem neuen Album gegönnt hast, lebst du gut zwei Jahre in Berlin. Ist das jetzt eine bayrisch-preußische Co-Produktion?”

“Angefangen habe ich tatsächlich noch in Augsburg, aber seit ich hier bin, ist es noch etwas verwickelter: Für die Aufnahmen bin ich nach Schweden gefahren und habe dort auch meinen ersten Winter verbracht. Zur Abhärtung, weil ja immer alle vor dem Berliner Winter warnen. Den fand ich dann gar nicht so schlimm im Vergleich zu Stockholm, wo der Winter echt eine Katastrophe ist.”

“Schade, da hätte ich noch ein Schwedisches Bier besorgen sollen. Stattdessen haben wir hier ein Kölsch. Weil es farblich so schön in diese blau gehaltene Bier-Auswahl gepasst hat. Es hat auch noch einen WM-Kronenkorken.”

“Ja, da bin ich natürlich neugierig drauf. Die anderen beiden kenne ich ja schon.”

Wir starten unsere Probe also mit Gaffel-Kölsch. Nicht ohne zu goutieren, dass auch das Schälchen mit dem blauen Kornblumenzucker sehr gut mit den Bier-Etiketten harmoniert.

“Ja…. schmeckt gar nicht so schlecht, das Bier mit dem schrecklichen Namen. Das klingt irgendwie bayrisch: Gaffel. Wie Graffel.”

“Wie was?”

“Graffel bedeutet so was wie Zeug, Müll, Trash. Kennst du das gar nicht?”

“Nö. Vermutlich kennen die Gaffel-Leute in Köln das auch nicht… Aber dass du als geborener Bayer einem Kölsch von vorneweg eine Chance einräumst, ist schon mal generös, denke ich.”

“Sagen wir: unparteiisch.”

Wir verlagern den Bier-Vergleich für einen kurzen Moment auf die Etiketten und stellen fest, dass bayrische Biere oft mit Mönchen und religiösen Personen in Verbindung stehen, Berliner Biere dagegen eher mit Soldaten und Königen. Ein Phänomen, an dessen Deutung sich andere abmühen mögen. Wir wenden uns hingegen Romans bereits üppiger musikalischer Vergangenheit zu:

“Nach einem Album mit 17 und einem mit 21 Jahren ist deine neue Platte ja die erste, bei der man nicht auf dein unglaublich junges Alter hinweisen wird.”

“Oh, ja. Stimmt. Schön, dass du mich daran erinnerst, dass das jetzt vorbei ist.”

“Wie gern spielst du noch Lieder von deinem ersten Album?”

“Live spielen wir aktuell so ein, zwei Stücke. So direkt danach war’s mir vielleicht mal ein bisschen unangenehm, die erste Platte zu spielen. Aber dann habe ich mir das angehört und es toll gefunden, weil sie genau das ausdrückt, was ich damals war. Im Nachhinein sehnt man sich eher zurück danach, wie leichtfüßig man war und was für eine lebhafte Bildsprache man hatte, weil so etwas echt verloren geht über die Zeit.”

“Hast du es mal als Problem wahrgenommen, so sehr jung zu sein? Ich meine, hast du bemerkt, dass dir manche Leute deine Songs nicht so abnehmen wollten wie jemanden, der einige Jahre älter ist? Du schreibst ja schon melancholisch-nachdenkliche, auch mal ins Trübsinnige gehende Texte.”

“Aus meiner Perspektive hat mir mein Alter eher Vorteile und Komplimente eingebracht, als dass es negativ aufgenommen worden wäre. Obwohl es vermutlich beide Seiten gegeben hat. Ein bisschen verwirrt hat mich nur dieses Wort “Indie-Posterboy”. Der Begriff war mir vorher nie geläufig.”

“Stimmt. Den habe ich auch direkt in der Google-Liste entdeckt. Vermutlich gibt es den Begriff ohnehin nur in Zusammenhang mit dir. Du bist übrigens mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die berühmteste Person ohne Wikipedia-Eintrag.”

“Wirklich? Das wusste ich gar nicht. Ist ja traurig.”

“Ich dachte, das sei ‘ne Art von Luxus.”

“Ja, ja. Da steht natürlich ein Plan hinter.”

“Mit dem Nachnamen Fischer ist es googlemäßig ja eine ziemliche Herausforderung, sich durchzusetzen!?”

“Nun, unter “Roman Fischer” bin ich gut zu finden. Obwohl es ja auch den Fischer-Verlag gibt, der Romane herausbringt. Da steht dann immer Roman Fischer drauf.”

“Großartig. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Aber auch in der Musik gibt es ja ein paar Fischers: Gotthilf Fischer…”

“Oh, ja. Letztens kam mal eine Frau zu mir, die ganz fasziniert war von dem Gedanken, ich könnte mit Tim Fischer verwandt sein.”

“Mit welchem anderen Fischer wärst du denn gerne verwandt? Joschka Fischer?”

“Hä! …ich trink’ noch was.”

Es geht zurück zu den Wurzeln: Das bayrische Bier wird zur Degustation in Glas Nr. 2 ausgeschenkt. Als Preuße bin ich etwas überrumpelt:

“Pöh. Ich finde, das schmeckt jetzt total… unerwartet?!”"

“Neutraler als das erste. Ich mag das ja, wenn etwas nur seinen Zweck erfüllt, so: Alkohol ist drin, aber man merkt es gar nicht. Es ist halt eher harmlos. Das hätte ich jetzt auch nicht erwartet.”

“Wir sollten nicht allzu viel Negatives über bayrisches Bier sagen. Du hast ja noch Familie dort? Sonst müssen wir dich womöglich tatsächlich von einem anderen Fischer adoptieren lassen.”

“Wer wäre da noch im Angebot?”

“Naja. Vielleicht dieser Schachweltmeister, der dann etwas abgedriftet und nach Island verschwunden ist. Bobby Fischer. Ich glaube aber, der ist tot.”

“Aha. Muss ich auf jeden Fall mal später nachschlagen.”

“Oder Klaus Fischer. Der Miro Klose der 80er. Hat Fallrückzieher gemacht.”

“Kenne ich gar nicht. Mag daran liegen, dass ich erst ’85 geboren bin?!”

“Dann würde das mit dem Sohn aber gut passen…!”

“Eigentlich fällt mir niemand ein, mit dem ich gerne verwandt wäre.”

“Apropos: Dein Album hat in mir viele Erinnerungen an alte Helden wachgerufen. Vielleicht empfinde ich das aber nur so und du bist gar nicht mit jedem von mir hineingedeuten Einfluss einverstanden?”

“Ah, du hast die Platte schon gehört?”

“Ja, natürlich, hab’ ich sehr genossen. Ich fand das lustig.”

“Lustig? Das freut mich. Wie meinst du das?”

“Lustig im Sinne von Freude daran haben, Dinge wiederzuerkennen und Erinnerungen aufblitzen zu lassen. Bei “Out of control” habe ich zum Beispiel an Elliott Smith gedacht.”

“Na, Elliott Smith finde ich schon mal super.”

Das bleibt mein einziger Treffer. Aber jeder möge in dieser Hinsicht das Album “Roman Fischer” für sich selbst erkunden. Dabei trifft man erstmalig auch auf ein paar deutsche Liedzeilen.

“Das war für mich eigentlich immer ein absolutes No-Go, Deutsch und Englisch zu vermischen. Jedes Mal, wenn ich “All night all day” höre, kommt der Moment, da denke ich: Krass, dass du das gemacht hast! Es war erst mehr so ein Spaß, aber am Schluss fand ich es enorm wichtig, dass das Stück mit auf die Platte kommt. Weil es mich daran erinnert, dass man sich nicht fortwährend in Tiefe beweisen muss, dass es auch dieses Trash-Moment geben darf, in dem man sich ausprobiert und voll über die Zwölf schlägt. Wir hatten einfach einen riesigen Spaß bei dem Stück.”

“Das erklärt, dass der deutsche Text so klingt, als wenn du Mühe hättest, einen englischen Akzent zu unterdrücken?”

“Ja, eben. Die hatte ich in dem Moment wohl auch.”

Wir wechseln das Thema und das Geschirr. Und probieren die Beeren. Mit drei Zuckersorten. Was mich auf meine gastgeberischen Lücken aufmerksam macht:

“Warte, ich hole mal Servietten! Deine Vorgänger waren mit dem Zucker eher die Tunker. Du bist wohl eher ein Streuer.”

“Aha? Sehr interessant. Was sagt das wohl verhaltenstheoretisch aus? Ich spiele mit meinem Essen herum und bilde Straßen… Aber sehr lecker übrigens!”

“Oh, das freut den Koch! Ich war sehr gespannt auf diesen Kornblumenzucker. Nicht, dass man je Kornblumen im Zucker vermisst hätte, aber der schmeckt wirklich hübsch nach Zuckerwatte.”

“Ja, auch optisch ist das schon mal klar der Sieger!”

“Und wie sieht’s bei den Beeren aus?”

“Ich finde die Stachelbeeren extrem gut, aber die roten Johannisbeeren sind meine Favourites. Weil mit dem Zucker hier – ist das schon sehr, sehr gut!”

Fehlt noch das Bier-Urteil. Und die letzte Probe: Potsdamer Rex Pils.

“Das ist fein. Aber ich muss sagen, eindeutige Entscheidung: Das Erste fand ich am Besten, das Zweite auf dem dritten Platz, das Dritte auf den Zweiten.”

“Also wird das Kölsch zum Sieger gekürt? Von einem Bayer, der in Berlin wohnt? Ich stimme da mit dir überein – ist nur die Frage, ob wir das so veröffentlichen sollten… Ihr geht ohnehin jetzt auf Tour?”

“Das wird noch so bis August/September dauern wegen der Sommermonate und weil die Clubs wohl nicht eher aufmachen werden, nur weil ich ein neues Album veröffentlicht habe und Konzerte geben möchte. Aber das wird zum ersten Mal so eine richtige Mammuttour.”

“Wo liegt für dich die Grenze? Fünf Wochen Tour am Stück – oder wär’ dir das zu viel?”

“Ich bin selber mal gespannt. Es ist ehrlich gesagt, seit ich in Berlin bin, das erste Mal in meinem Leben so, dass ich immer auch ein Stück weit Heimweh hab’, wenn ich unterwegs bin. Ich hab’ hier jetzt wirklich ein Zuhause und das fehlt mir dann auch. Das finde ich aber auch total schön.”

“Na, und wenn die Veranstalter dieses Interview lesen, wird man dich vielleicht regelmäßig mit Kölsch und Johannisbeeren in Kornblumenzucker überraschen?!”

“Ja. Muss aber nicht sein.”