…weiter geht’s: Mit Bosse zwischen Beeren und Bieren, Teil 2.
“Mir ist bei deinen Texten aufgefallen, dass sie sehr undistanziert sind – im Gegensatz zu anderen, insbesondere Hamburger Bands, die gerne über Ironie oder Intellektualität einen Abstand zu den Themen schaffen, über die sie singen. Ich finde es selbst auch angenehmer und passender, sich über Witz und formale Aspekte weniger angreifbar zu machen. Du aber nicht?”
“Wenn ich texte, schreibe ich immer total viel. Da entsteht dann ziemlich viel Masse, auch viel Blödsinn und auch vieles, das distanzierter ist. Ich entscheide mich am Ende aber immer für das Ehrlichste, Direkteste und Nächste, weil ich die Sachen so beschreiben möchte, wie ich es tun würde, wenn ich jemanden komplett ernst nehme, direkt auf den Punkt. Das kam eigentlich auch mit den Jahren – obwohl ich mir das nie bewusst vorgenommen habe. Aber es geht dann natürlich auch immer um die Frage: Wie dicht kann ich gehen und wann mache ich es wieder kaputt?”
“Einige Worte scheinen mit soviel Bedacht ausgewählt, dass ich den Eindruck hatte, der Text hätte sich um dieses eine Wort geschrieben. Gibt es solche Worte, die sozusagen den Ursprung eines Textes ausmachen? Und sammelst du solche Worte, die für dich eine bestimmte Aura von Bedeutung haben?”
“Eigentlich nicht. Aber “Wartesaal” war zum Beispiel so ein Wort – das fand dich toll und mit dem Reim “warten mal” strickte sich auch der übrige Text drum. Dann kommt es so, dass der gesamte Text über dieses eine Wort ein Gesicht erhält, sich zusammensetzt und fertig wird. Aber normalerweise ist es bei mir anders: Dass ich ein Gefühl habe und dann erst einmal ohne fertigen Plan oder Ziel losschreibe. Und prägnante Worte entstehen dann plötzlich irgendwie mit dem Gefühl, dass sie die Sache besonders gut auf den Punkt bringen. So ein Ausdruck wie “die labbrigen Kartoffeln” in “Die Regie” kam vermutlich erst am zweiten Tag des Textes, weil ich lange danach gesucht hatte, wie ich dieses Gefühl klarmachen könnte, wenn man in so einem Flugzeug sitzt und es länger geht als Hamburg – Berlin.”
“Genau an diese Kartoffeln hatte ich gedacht … Es gibt aber auch andere Worte, die mich in dem jeweiligen Text aufmerken ließen, zum Beispiel auf einmal das Weizenbier im “Wartesaal”.”
“Findest du das verstörend? Das empfanden ein paar Leute so – habe ich eigentlich nie verstanden.”
“Ja, weil du an der Stelle so konkret wirst. Vorher ist alles ja sehr atmosphärisch und unbestimmt – und dann taucht plötzlich nicht nur ein Bier auf, sondern gleich eine bestimmte Sorte. Das ist dann mehr, als ich in dem Moment erwarten würde.”
“Ich hatte da wirklich ein Bild vor Augen, von einem Typen, der über seinem Weizenglas hinwegdöst. Und das hat eben genau die Höhe und Breite, dass es mit dem Kopfabstützen passt! Das ist ein Bild, das ich tatsächlich so einmal in der Deutschen Bahn aufgeschnappt habe. Ich fand das tierisch, weil der Typ da auch einen guten Halt gefunden hat.”
“Das hätten wir heute hier natürlich gleich selbst ausprobieren können. Stattdessen haben wir hier noch ein Thailändisches Bier zum Test!”
“Das riecht ein bisschen chemisch – vielleicht abgelaufen?”
“Nee, das gilt noch.”
“Schmeckt wirklich reichlich schlechter als die anderen. Sieht auch etwas brackig aus, so ohne Kohlensäure. Hast du das mal mit dem Hasseröder gegengetrunken?”
“Puh … Gut, jetzt haben wir endlich mal einen richtigen Unterschied rausgeschmeckt.”
“Praline und Hanuta.”
“Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das mit deiner Band richtig begriffen habe – sind das feste Mitglieder?”
“Die Konstellation ist eigentlich einfach: Ich habe vier Leute, mit denen ich seit Beginn zusammen spiele, also seit es Bosse gibt – aber noch mal vier Leute, die da sind, um zu spielen, wenn die anderen nicht können. Wir haben einen Mailverteiler, mit dem angefragt wird, wer wann kann oder für wen einspringen kann. Nur ich muss immer können.”
“Und da gibt es dann keine Konflikte? Liebt man da als Mutter der Band alle Kinder gleich?”
“Mir – und auch allen anderen – ist die zweite Besetzung wirklich genauso lieb. Wir sind einfach neun Leute, die sich richtig gut verstehen, so dass es egal ist, wer da mit wem spielt. Hauptsache, einer der Alternativen kann, weil sonst trete ich auch nicht auf. Aber es ist eben kein festes Bandkonstrukt, wo jeder können muss. Sonst hätte ich auch schon zu viel absagen müssen. Die Musiker haben auch ihre anderen festen Projekte – die zum Teil fester sind als das Bosse-Konstrukt. Aber so muss man sich organisieren, wenn man Solo-Künstler ist.”
“Ich habe im Vorfeld einigen Leuten erzählt, dass ich für ein Interview nach Berlin zurück muss – und die Reaktion war immer so ein “Ja, den Namen kenne ich! Aber hilf mir mal kurz, wer das ist!”. Was würdest du sagen, welchen Song man nennen müsste, bei dem die meisten sagen würden: “Ach, der ist das!”?”
“Es gab jetzt nicht so den Überhit, der überall im Radio gelaufen wäre, dass es jeder mitbekommen hätte. “3 Millionen” ist eine Nummer, die in Berlin sehr oft von Radio 1 gespielt wurde, bei der ich denke, die könnte man dann auch in Cottbus kennen, aber ich kann nicht einschätzen, wie das über die Landesgrenzen hinaus ankam. Ich hab’ da das Land nicht so im Griff. Aber von den Youtube-Klickzahlen ist wohl “3 Millionen” der Song, zu dem man schon einmal getanzt haben könnte, ohne zu wissen, von wem der eigentlich ist.”
“Als erste Single von “Wartesaal” erscheint jetzt “Weit weg” – ist das für dich auch ein zentraler Song vom Album? Oder hast du da andere beziehungsweise wechselnde Favoriten?”
“Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, jeweils zu notieren, was ich verspürt habe, als ich einen Song zum ersten Mal richtig gehört habe. Weil dieser Eindruck sehr schnell verfliegt, wenn man das Lied im Studio und beim Abmischen hundertmal hintereinander gehört hat. Bei “Weit weg” war es so, dass es mich echt gekickt hat, als ich den Song fertiggestellt hatte, weil er das repräsentierte, was ich mit dem neuen Album erreichen wollte: Nämlich tanzbare Musik zu machen, bei der man trotzdem die Augen schließen kann, um sich wegzubeamen. Aber für so eine Single-Entscheidung hole ich mir schon Rat von außen. Und da habe ich dann neben Leuten von der Plattenfirma so meine zehn Leute, auf deren Urteil ich vertraue.”
“Dann bräuchten wir noch ein Urteil von dir zu den Beeren und Bieren. Beim Bier ist es das Tsingtao, oder?”
“Ja, das ist ganz gut. Bei den Beeren sind es die Physalis. Die sind besser, als ich gedacht hätte.”
“Sind vielleicht auch die einzigen Beeren, die gerade wirklich Saison haben und am Frankfurter Bahnhof zu bekommen waren. Dort gibt es übrigens keinen Wartesaal, der dem entsprochen hätte, den ich mir beim Hören deines Songs vorgestellt hätte.”
“Wie hätte der denn ausgesehen?”
“Wahrscheinlich so, wie er in Leipzig mal war, bevor er ein Modegeschäft wurde.”
“An den musste ich auch zwei-, dreimal denken. Den fand ich wirklich toll. Wir haben bei dem Videodreh von “Weit weg” in Tokio ein paar echt schöne Wartesäle gesehen. Gibt es schöne Fotos von, aber es war mir dann zu platt, das für das Video zu nutzen.”
“Hier scheinen die Wartesäle eher auszusterben, befürchte ich.”
“Es gibt so dörfliche Regionen, wo es sie wirklich noch gibt, mit schicken Wandbeleuchtungen – also nicht diese Raucher-Kältekammern und neumodischen Glasbauten.”
“Vielleicht können wir diesen Blog ja dazu nutzen, hier mal eine Bestandsaufnahme zu machen. So wie die Vogelbeobachter. Ein Aufruf an die Leser, alle Vorkommen schöner Wartesäle zu melden. Wäre doch ‘ne Aufgabe.”
“Ja, mal schauen, was passiert.”
Und als sichere Alternative gibt es das Bosse-Album “Wartesaal”. Ab dem 25. Februar.






















