Aufgetischt: Schultheiss, Bio-Pils Berliner Bürgerbräu, Berliner Pilsener Bärenpils, Erdbeeren (D), Blaubeeren (I) und Himbeeren (ES). Am Tisch: Singer & Songwriter Michael Squire.
Ja, welche Ehre bei der Premiere, dass Michael Squire sich an meinen Tisch setzte, um in Sachen saisonaler Beeren und Berliner Biere zu einer Urteilsfindung zu kommen. Mit der aktuellen Single “Try Try Try” ein wahrhaft prädestinierter Fachmann für eine Bier- und Beerenprobe.
Es war der Tag Eins nach Michaels Rückkehr aus Nashville, wo die Aufnahmen zu seinem Debutalbum “Your love grows in the sunshine” abgeschlossen wurden und es war der Tag Drei nach dem 0:4 seiner Australier bei der WM. Für einen eingefleischten Fußballfan wie Michael also ein doppelter Jetlag.
“Ich war noch im Studio, als das Spiel lief, habe nur die ersten fünf Minuten schauen können – und das nächste, was ich erfuhr, war, dass es 4:0 stand. Ich war so froh, das nicht live mitverfolgen zu müssen. Dabei habe ich mein ganzes Leben lang Fußball gespielt und wenn jemand einen Fernseher vor mir anschaltet, auf dem Fußball läuft, braucht es keine fünf Minuten, bis ich mitfiebernd den Bildschirm anschreie. Ganz egal, wer da eigentlich spielt. Aber das…”
Ein guter Moment, um mit der Bierprobe zu beginnen. Und irgendwie erscheint mir nun ein Start mit Schultheiss am passendsten, das ich noch nie bewusst getrunken habe und nur aus den Liedern von Berliner Punkbands der 80er kenne.

“(langgezogen) O.K…. Schmeckt nach Kopfschmerzen”
“Irgendwie insgesamt überhaupt sehr wenig Geschmack, oder? Die konzentrieren sich wohl mehr auf den Alkohol.”
“Ich bin eher ein Guinness-Trinker, mag es etwas “voller” im Geschmack. Aber das bekommt man in Deutschland ja nur selten, deshalb nehme ich gerne Weizen als Ersatz.”
“Hm. Da kommen wir wohl nicht mehr allzu nah ran, mit dem, was wir hier haben… Verfolgen die Leute in Australien eigentlich mit, was du nun mit deiner Musik in Berlin treibst? Oder bist du abgehakt als einer, der halt irgendwo in Europa verloren gegangen ist?”
“Tatsächlich gibt es kaum wirklichen Kontakt mehr, seit ich hier in Berlin gelandet bin. Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Gerüchte gibt unter alten Bekannten, aber es ist doch eher so, dass die ihren Weg gehen – und ich bin irgendwo rechts abgebogen. Man ist da vermutlich kein großes Thema mehr.”
“Magst du die Beeren probieren?”
“Müssen wir das Bier vorher austrinken?”
“Ich denke, wir können es noch etwas atmen lassen.”
“Die Erdbeeren dürften zum Schultheiss passen, würde ich jetzt als Conaisseur sagen.”
“Oh, da haben wir auch noch eine nette Kollektion verschiedenen Zuckers!”
“Ich habe noch nie Erdbeeren mit Zucker gegessen.”
“Aber die hier dürften bislang nicht allzu viel Sonne gesehen haben. Wie hat dir übrigens der Berliner Winter gefallen?”
“Ich weiß nicht, wie man den Winter dieses Jahr überleben konnte. Ich habe noch nie so etwas erlebt. Und Berlin ist auch ein bisschen elendig, was den Schnee betrifft, finde ich. In anderen Teilen von Deutschland sieht es so schön weiß aus und flauschig, aber hier tritt man auf etwas herum, das sich wie Slush anfüllt oder McFlurry.”
Wir kauen uns ratlos durch das Beerenangebot. Im Hintergrund spielt die Schweiz gegen Spanien. Gibt es irgendwelche Beeren, die in Australien gang und gäbe sind, aber hier nicht erhältlich sind?
“Also in Perth sicherlich nicht. Und da, wo exotischere Früchte wachsen könnten, ziehen sie eher Ananas. Wahrscheinlich gibt es hier wesentlich mehr Beeren als in Australien. Aber die Neuseeländer haben ein paar seltsame Früchte (mit Blick zum Fernseher).

Ich glaube, dass es Argentinien und Spanien unter sich ausmachen werden. Was meinst Du?”
“Naja, der guten Laune wegen muss man sich natürlich einreden, dass man fest daran glaubt, auch Deutschland kann das Ding gewinnen.”
“Wer ist der nächste Gegner?”
“Serbien.”
“Das sollte ein Sieg sein, oder?”
“Ja, das wird vermutlich noch ohne größere Probleme klappen.”
So viel zu unseren fußballerischen Voraussagen. Wir probieren das Bärenpilz.
“(liest das Etikett, fragend) Kräftig. Würzig. Was bedeutet das?”
“Vermutlich ist es nur etwas dunkler.”
“Nein, sieht genauso aus. Aber es ist vielleicht tatsächlich etwas wie: kräftiger.”
“Irgendwie ist es ja auch so, dass Bier vor allem nach Bier schmeckt. Also, wenn man Durst auf ein Bier hat, denkt man nicht anschließend: Na, das habe ich mir aber anders vorgestellt. Oder: Das war aber mal ein lausiges Bier. Nur heute werden wir nun endlich mal die feinen Unterschiede herausschmecken.”
“Also, jetzt würde ich sagen, die beiden hier schmecken genau gleich.”
“Hm. Das Erste schmeckt… älter?”
“Nein, ich schmecke überhaupt keinen Unterschied zwischen diesen hier. Verdammt, was wäre ich für ein furchtbar schlechter Weintester.”
Halbzeit. Es kommt ein Werbespot, der von einem Ingrid Michaelson-Song unterlegt ist. Mit der war Michael vor ein paar Tagen noch auf Deutschlandtour.
“Seltsam. Das ist das erst Mal, dass ich diesen Spot sehe. Alle haben immer davon geredet.”
“Vielleicht kommt ja jetzt noch einer mit deiner Musik? Dann machen wir mit einer Sektprobe weiter… Bist du eigentlich so kurz vor Veröffentlichung unschlüssig, ob du in der Hektik der letzten Entscheidungen da und dort falsch gelegen hast? Irgendwie ist es doch so, dass man in einem Prozess, der irre lange gedauert hat, am Ende noch in Zeitnot gerät, um dann genau zur Deadline zu sagen: So, jetzt ist fertig. Aber man hätte im Grunde noch länger herumfeilen können.”
“Es braucht natürlich irgendwann das Gefühl des Abschlusses. Man kann sein ganzes Leben damit verbringen, sein erstes Album fertigzustellen. Aber ist ein gutes Gefühl, diese Lieder nun loszulassen und zu schauen, was die Leute da draußen damit machen und was sie ihnen bedeuten. Im Kopf macht man sich darüber ja auch schon wieder frei, sein zweites Album vorzubereiten und Eindrücke zu sammeln, das ganze neue Chaos von Impulsen abzuspeichern und zu verarbeiten. Oh, Goal!”
“Das ist die Schweiz!”
“Der Spanier blutet?”
“Schräges Ding!”

Wir schließen ab mit Bio-Bürgerbräu, das ich Michael noch als Ost-Bier verkaufen wollte. Aber das Etikett erinnert mich daran, dass Schultheiss/Berliner Kindl die Bürgerbräu Brauerei vor Kurzem übernommen hat. Drei Biere aus dem gleichen Stall sozusagen. Aber wir finden den ersten Unterschied: Die Farbe ist dunkler. Definitiv.

“Das macht vielleicht das “Bio”?”
“Oder das Wasser vom Müggelsee. Ich habe gelesen, dass du die Berliner Seen magst.”
“Ja, der Müggelsee ist auch gut. Aber der Ort, an dem ich die meiste Zeit im letzten Sommer verbracht habe, ist der Liebnitzsee.”
“Gibt es auf deinem Album Lieder, zu denen dich das Leben in Berlin inspiriert hat? Oder Zeilen, von denen du erinnerst, sie an einem bestimmten Ort geschrieben zu haben?”
“Berlin ist für mich eher eine Stadt, in der man seine Einflüsse und Erfahrungen mitbringt als diese hier zu finden, deswegen ist mein Album auch so etwas wie ein Reisetagebuch geworden. In Berlin habe ich die Zeit und den Anlass gefunden, all’ diese Dinge wie Luftblasen wieder in mir aufsteigen zu lassen. Vermutlich ist es der Lebensrhythmus hier, das Zentralisierte und doch Isolierte. Aber es ist gut möglich, dass die Stadt mehr Einfluss auf das nächste Album haben wird, dass es dann auch um mein “Klarkommen” mit der Stadt gehen wird.
Berlin ist nicht der einfachste Ort, um ein größeres Publikum zu erreichen, da die Leute hier im Vergleich zu anderen Städten doch sehr reserviert reagieren und einem das Gefühl geben, sich erst einmal beweisen zu müssen, um ihren Applaus zu verdienen. Aber auch deswegen ist es ein guter Platz, um sich in seiner Kunst zu üben.”
“Was zeigst du einem Besucher?”
“Es gibt soviel Ungeplantes und unvermutete Orte, an denen einfach etwas passiert – und dass ist das Besondere an der Stadt, was man in London, wo man seinen Abend vorausplanen muss, um etwas zu erleben, so nicht hat. Deswegen muss man mit seinem Besucher nur auf die Straße treten und abwarten. Aber ich bin weniger oft derjenige, der besucht wird, sondern der, der auf Reisen ist. Schließlich muss ich jedes Mal außerordentlich lange Wege in Kauf nehmen, um meine Familie oder alte Freunde zu besuchen.”
Wir gehen in die Zielgerade zur Urteilsfindung. Die Erdbeeren, gepimpt mit Bourbon-Vanillezucker, sind unangefochten vorne.

Der Biertest erfordert eine Schlussdiskussion: “Ich denke, das Bürgerbräu ist es. Obwohl, also, ich weiß nicht, es schmeckt stärker, aber eigentlich auch gleich. Ich würde es jetzt eine Spur… geschmacklich besser finden. Aber vermutlich ist einfach das aktuelle Bier immer das Beste. Oder die Erwartungen an das letzte Bier waren von vornherein höher. Mir gefällt auch, dass es so schlicht aufgemacht ist und einem nicht mehr zu verkaufen versucht, als ein normales Bier zu sein. Außerdem: Das Schultheiss riecht ein wenig nach einer schmuddeligen Berliner Kneipe.”
“Da wird es einem wohl auch am ehesten angeboten werden. Es ist momentan recht weit davon entfernt, ein Trendbier zu werden, denke ich.”
“Das ist das Beste, was wir dazu sagen können.”






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